4 Wirtschaftliche Steuerwirkungen

4.1 Finanzierung und Kapitalverkehr

85. zu Tz 84 zu Tz 86

Um Außenfinanzierungsmittel zu erlangen, muss man dem Geldgeber einen bestimmten Nutzen der Geldanlage in Aussicht stellen. Dieser Anlagenutzen kann niedriger sein, wenn die Anlage verhältnismäßig sicher ist (z.B. Fremdkapital), er muss größer sein, wenn das Risiko größer ist (z.B: Eigenkapital). Der erwartete Anlagenutzen kann in ganz verschiedenen Formen auftreten:

  1. in Form laufender Einkünfte (Zinsen, Mieten, Pachten, Dividenden)
  2. In Form von Aufgeldern (Rückzahlungsbetrag ist höher als ursprünglich gezahlter Betrag: Agioanleihen, Sparbriefe usw.)
  3. In Form erwarteter Preissteigerungen der Anlage (Kursgewinne, Wertsteigerungen bei Immobilien).

Im Prinzip ist es gleichgültig,welche Form der zu erwartende Anlagenutzen hat; neben der Höhe des Anlagenutzens kommt es höchstens noch auf die Sicherheit an, mit der dieser Nutzen erwartet werden kann. Werden einbehaltene Gewinne vom Management sinnvoll angelegt, kann davon ausgegangen werden, dass der Kurs der Aktie dieser AG höher bleibt als der einer AG, die ihren Gewinn als Dividende ausschüttet. Dies kann man fast täglich an der Börse beobachten: Schüttet die Gesellschaft Dividenden aus, sinkt der Kurs regelmäßig um einen entsprechenden Betrag (der Dividendenabschlag).

86. zu Tz 85 zu Tz 87

Für die Kapitalkostenkalkulation – aus der Perspektive der jeweiligen Altgesellschafter und das deren Interesse vertretende Management – ergibt sich bei Kapitalgesellschaften folgendes Bild:

[ANMERKUNG: für die Gewerbeertragssteuer wird im folgenden ein Hebesatz von 300% angenommen. Da die Gewerbesteuer ihrerseits bei der Berechnung des Gewerbeertrags abgezogen werden darf, ergibt sich effektiv ein Satz von 13% des Gewerbeertrags; im Hundert gerechnet sind das dann 15 %. Die Umrechnung von in Hundert in auf Hundert wird auch bei der Körperschaftsteuer vorgenommen, da diese ebenfalls bei der Gewinnermittlung abgezogen wird: 23% ausgeschüttet entspricht dann 31 % effektiv und 51% einbehalten entspricht 104% effektiv.]

Einem Sparer mit einem Marginalsteuersatz von 0 % (Einkünfte aus Kapitalvermögen innerhalb der Freigrenzen) müsse ein Anlagenutzen von 8 % geboten werden. Dann kostet das die Gesellschaft zur Zeit (1973):

KapitalkostenGewinn
vor Steuern
als kurzfristiges Fremdkapital 8,00 %
8,00 %
als langfristiges Fremdkapital8,00 %
+15 % von 8% Gewerbeertragssteuer 1,20 %
9,8 %
als Eigenkapital, wenn Gewinne voll ausgeschüttet werden 8,00 %
+ 23% Körperschaftsteuer auf die Ausschüttung2,48 %
Zwischensumme10,48 %
+0,6 % Gewerbekapitalsteuer 0,60 %
+15 % von 10,48% Gewerbeertragssteuer 1,47 %
12,65 %
als Eigenkapital, wenn Gewinne voll einbehalten werden8,00 %
+ 51% Körperschaftsteuer 8,32 %
Zwischensumme 16,32 %
+0,6 % Gewerbekapitalsteuer 0,60 %
+15 % von 16,32 % Gewerbeertragssteuer 2,45 %
19.4 %

Man sieht: abgesehen davon, dass risikotragendes Eigenkapital ohnehin immer teurer ist als Fremdkapital, wird durch das geltende Steuerrecht die Eigenkapitalbeschaffung noch erheblich zusätzlich besteuert und verteuert.

Vom Anlagenutzen dieses Sparers aus betrachtet ergibt sich ein analoges Bild. Hat die Gesellschaft einen Gewinn von 15 % vor Steuern (jedoch nach Gewerbesteuer) auf einen Kurswert von 100 DM pro Aktie, (= Gewinn/Preis-Rate vor Steuern), so ist sein Anlagenutzen:

bei voller Ausschüttung 10.15 %
bei voller Thesaurierung 7,35 %
bei 33% Ausschüttung und 67 % Thesaurierung8.35 %
bei der Staatsbürgersteuer jedoch 15,00 %

87. zu Tz 86 zu Tz 88

Angesichts der starken steuerlichen Diskriminierung des Beteiligungssparens einerseits und der Eigenkapitalbildung andererseits ist es nicht verwunderlich, dass die Eigenkapitalquoten in den Jahren (vor 1973) immer weiter zurückgegangen sind. (Nach der Währungsreform waren die Unternehmen weitgehend entschuldet, hatten also hohe Eigenkapitalquoten.) Sehen wir einmal von der Gewerbesteuer ab, so ist es im System der Staatsbürgersteuer gleichgültig, in welcher Form sich ein Unternehmen finanziert, und es ist steuerlich unerheblich, in welcher Form – Geldvermögen oder Beteiligung – ein Sparer spart. Vom Standpunkt des Unternehmens aus wird neues Eigenkapital im Vergleich zu Fremdkapital billiger als heute, und das Sparen in Form von Beteiligungen vom Standpunkt des Sparers aus rentabler. In der Praxis wird das vermutlich dazu führen, dass einerseits ein Teil des Kapitals, das heute als Geldvermögen angeboten wird, nun in der Form von Beteiligungskapital angeboten wird, und dass andererseits die Unternehmen einen Teil ihrer Fremdmittel durch Eigenkapital ersetzen, dass also ihre Eigenkapitalquote im Vergleich zu heute steigt.

88. zu Tz 87 zu Tz 89

In welcher Form in der Staatsbürgersteuer die Eigenfinanzierung erfolgt, z.B. über Aktienemissionen oder Selbstfinanzierung, ist in der Staatsbürgersteuer gleichgültig. Beide Formen werden vermutlich im Vergleich zu heute häufiger angewendet werden.

89. zu Tz 88 zu Tz 90


auch in Variante B/C

Heute ist der typische Kleinaktionär – also der Aktionär mit niedrigem persönlichem Steuersatz – an einer hohen Dividende interessiert, er versucht also, die Selbstfinanzierung aus Gewinnen zu verhindern. Dabei hat die Dividende für den Aktionär eine zweifache Funktion

  1. sie gibt ihm verfügbare Mittel (incl. anrechenbarer Kapitalertragssteuer)
  2. sie wird am Markt als Information über die Lage des Unternehmens, als Wahrscheinlichkeitsurteil der Verwaltung über den nachhaltig mindestens erzielbaren Ertrag gewertet, so dass bei Dividendenerhöhungen auch der Kurs steigt.

Im System der Staatsbürgersteuer liegen die Dinge anders. Der Aktionär erhält in Form des Steuergutscheins ein verfügbares Einkommen, das in der Mehrzahl der Fälle über den heutigen Dividenden liegt. Selbst wenn die Gesellschaft keine Dividende zahlt, hat der Kleinaktionär verfügbares Einkommen. Die Bekanntgabe des Gewinns (im Steuergutschein ausgewiesen) ist eine viel vollkommenere Form der Information. Wenn also eine Gesellschaft lohnende Investitionschancen hat, sollte es für sie leichter sein als heute, Aktionäre davon zu überzeugen, dass es vorteilhafter ist, den Gewinn einzubehalten.

90. zu Tz 89 zu Tz 91

Eine Gesellschaft, die sich heute durch Schütt-aus-hol-rück Politik finanzieren will, die also hohe Dividenden ausschüttet und diese durch Aktienemissionen ins Unternehmen zurückholen will, wird über die Körperschaftsteuer einen Strafzoll auf den Kapitalverkehr in Form der Doppelbelastung der ausgeschütteten Gewinne in Rechnung zu stellen haben. Dieser wird die Ausschüttungen von Gewinn auch dann verhindern, wenn sie aus anderen wirtschaftlichen Gründen geboten erscheint. Der Effekt des Strafzolls zeigt sich deutlich bei der Einführung des gespaltenen Körperschaftsteuertarifs und der späteren Senkung der Sätze. Die durchschnittlichen Ausschüttungsraten und die Eigenkapitel-Außenfinanzierung nehmen in beiden Fälle deutlich zu.

Die Eigenkapitel-Außenfinanzierung wird von der Körperschaftsteuer also etwas stärker begünstigt als die Selbstfinanzierung: Ihr kommt nicht nur die höhere Attraktivität des Beteiligungssparens für den kleinen Mann zugute, sie wird außerdem dadurch begünstigt, dass für diesen der Strafzoll entfällt.

91. zu Tz 90 zu Tz 92

Welche Bedeutung die Kapitalgesellschaft haben kann zeigt die Schweiz, deren Steuersystem zwar nicht neutral, jedoch vergleichsweise wenig diskriminierend ist. Dort gab es 1970 rund 50 000 Aktiengesellschaften, in der Bundesrepublik rund 2000. Selbst wenn man Gesellschaften mbH hinzurechnet, so ergibt sich in der Schweiz – gemessen an der Bevölkerung oder auch am Sozialprodukt –, die mehr als zehnfache Dichte der Kapitalgesellschaften der Bundesrepublik. Dort lässt sich auch beobachten, was hier bei der Einführung der Staatsbürgersteuer zu erwarten wäre: hohe Eigenkapitalquoten der Unternehmen und breite Streuung des Beteiligungssparens. Häufig wird dies damit erklärt, dass die Schweiz ein reiches Land sei – indes ist Reichtum immer kapitalisiertes Einkommen, und daran gemessen, ist die Schweiz nicht so viel reicher als die Bundesrepublik. Der Unterschied besteht vielmehr darin, dass ein ein viel größerer Teil des gesamten Volksvermögens durch Beteiligungstitel verkörpert wird.

Wenn man Wirkungen der Staatsbürgersteuer abschätzen will, liefert die Schweiz gute Anhaltspunkte. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass sich unter der Staatsbürgersteuer die Zahl der Unternehmen ebenfalls verzehnfachen, und der Anteil von Beteiligungstiteln an der Gesamtersparnis sich verdreifachen würde, da sowohl die Eigenkapitalquoten bei bestehenden Gesellschaften höher wären, als auch mehr neue Kapitalgesellschaften gegründet würden.

92. zu Tz 91 zu Tz 93


neue Teilhaber und neue Ideen für 'alte' Unternehmen?

Im System des Staatsbürgersteuer wird die Wahl der Rechtsform einer Unternehmung nicht mehr durch steuerliche Erwägungen beeinflusst. Im Vergleich zum heutigen System wird dies zu einer beträchtlichen Bevorzugung der Kapitalgesellschaft – insbesondere der Aktiengesellschaft – führen. Diese hat zwei Vorteile:

  • sie ermöglicht die Sammlung vieler kleiner Kapitalien zu einer größeren Gesellschaft
  • sie sichert die Kontinuität des Managements auch bei raschem Wechsel der Teilhaber

Wirtschaftlich gesehen ist die Aktiengesellschaft eine Form, die – wie die Genossenschaft – die den Kleinen eine Chance gegenüber den Großen gibt. Heute ist die Kapitalgesellschaft unter steuerlichen Erwägungen gerade für die besonders Reichen interessant, die Ärmeren diskriminiert das Steuerrecht.

Die wirtschaftliche Logik der Aktiengesellschaft käme im System der Staatsbürgersteuer wieder zum Durchbruch. Immer mehr ältere Unternehmer sehen sich vor dem Problem, die Kontinuität ihres Unternehmens auch für die Zeit zu sichern, in dem mehrere oder viele Erben in verhältnismäßig geringem Umfang an ihrem Unternehmen beteiligt sein werden. Für sie würde die Kapitalgesellschaft auch dann zur vorteilhaften Form, wenn die Beteiligten nicht oder nicht alle hohe persönliche Einkommen haben.

93. zu Tz 92 zu Tz 94

Die Aktiengesellschaft leidet heute unter dem ständigen Konflikt zwischen wenig verdienenden Klein- und hoch verdienenden Großaktionären. Liegt (1973) der Marginalsteuersatz des Aktionärs unter 37 %, so ist die Steuerbelastung des auf seinen Anteil entfallenden Gewinns (Gesellschaft und Aktionär zusammengerechnet) geringer, wenn der Gewinn voll ausgeschüttet wird. Liegt er über 37 %, ist die Einbehaltung steuerlich günstiger. Diese Interessengegensätze führen heute zur angemessenen Dividende – einem Kompromiss zwischen den Aktionärsgruppen, mit dem in Wirklichkeit keinem so recht gedient ist.

In der Staatsbürgersteuer gibt es solche Gegensätze nicht mehr: Als Argumente in Plädoyers für größere Einbehaltung oder größere Ausschüttung könnten nicht mehr steuerliche Argumente vorgetragen werden, sondern nur noch Argumente, die darlegen, wo sich die in Frage kommenden Beträge vermutlich besser rentieren; beim Verbleib in der Gesellschaft oder bei anderweitiger Anlage durch den Aktionär. Die Gleichrichtung der steuerlichen Interessen aller Aktionäre könnte auch dazu beitragen. das ständig schwelende Misstrauen des Kleinaktionärs, übervorteilt zu werden, beseitigen.

94. zu Tz 93 zu Tz 95


stille Reserven in der Staatsbürgersteuer?

Der Wechsel der Anlageform wird im heutigen Steuersystem sowohl durch die Doppelbelastung ausgeschütteter Gewinne der Kapitalgesellschaften, als auch über die Vorschriften der Gewinnrealisierung behindert. Das bedeutet, dass in vielen Fällen ein Wechsel der Anlageform auch dann unterbleibt, wenn er aus anderen wirtschaftlichen Gründen angezeigt wäre.

Hat eine Gesellschaft etwa ein Grundstück, das sich im Rahmen dieser Gesellschaft nicht mehr verwerten lässt, so wäre es vernünftig, dieses Grundstück zu verkaufen und den Erlös in rentableren Anlagen anzulegen. Das unterbleibt aber, weil durch die Veräußerung des Grundstücks in aller Regel hohe steuerliche Gewinne realisiert werden. Sie unterliegen – wenn die Mittel in der Gesellschaft angelegt werden – dem Körperschaftsteuersatz von 51 %. Wenn sie dagegen an die Aktionäre ausgeschüttet werden, ergibt sich eine Besteuerung von 31 % auf den ausgeschütteten Betrag und zusätzlich die persönliche Einkommensteuer des Aktionärs. Diese steuerlichen Bestimmungen verhindern also, dass dieses Grundstück zum besten Wirt wandert, und zwar unabhängig davon, ob der Grundstückserlös innerhalb der Gesellschaft angelegt oder an die Aktionäre ausgeschüttet wird.

Diese Zusammenhänge bewirken nicht nur, dass Kapital in unproduktiven Vermögensanlagen festgehalten wird, darüber hinaus ergeben sich auch andere Unzulänglichkeiten. So reagieren Aktienmärkte heute auf kleine Änderungen von Angebot und Nachfrage mit heftigen Kursausschlägen. Sie sind wenig tief. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass heute viele Aktien-Depots wegen der Vorschriften zur Gewinnrealisierung eingefroren sind. Solche Depots würden im System der Staatsbürgersteuer wieder flottgemacht.