4.4 Allokations- und Verteilungswirkungen definitiver Proportionalsteuern

104. zu Tz 103 zu Tz 105

Unser Steuersystem zeichnet sich dadurch aus, dass ein Teil der Einkünfte einer progressiven Einkommensteuer unterliegt, dass andere Teile zu ermäßigten Steuersätzen versteuert werden und dass auf weitere Einkünfte proportionale Definitivsteuern angewandt werden. Die Proportionalsteuern ihrerseits sind in ihren Sätzen weit gespannt: von Steuerbefreiungen (Steuersatz = 0 % ) bis zu 51 % (Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne ohne Ergänzungsabgabe).

Will man die kombinierten Effekte eines solchen Systems untersuchen, muss man es zunächst auf ein vereinfachtes Modell bringen.

105. zu Tz 104 zu Tz 106

Die einfachste und natürlichste Verteilungsidee liegt darin, den Einen Geld wegzunehmen und den Anderen zu geben (frei nach Robin Hood) oder den Einen relativ mehr zu nehmen als den Anderen. Das ist die Idee der persönlichen Einkommensteuer, in die man genügend sozial relevante Kriterien (Alter, Familienstand, Kinderzahl, körperliche Schäden usw.) einbauen kann. Man wendet gegen die Einkommensteuer gelegentlich ein, sie werde wie andere Steuern und Subventionen überwälzt. Nehmen wir an, dies träfe zu. Unterstellt seien vier Kapitalanleger, die ihr Kapital in Bundesanleihen mit 4 % Verzinsung angelegt haben. Nun wird eine Einkommensteuer von durchschnittlich 20 % eingeführt und voll überwälzt. Der Zinsertrag neuer Anleihen steigt also auf 5 % (brutto) vor Steuern. Wenn unsere vier Anleger, A,B,C und D persönliche Steuersätze von 0 %, 20 %, 40 % und 50% haben, so ergibt sich folgende Verteilung vor Steuern:


Renditen
An-
le-
ger
Persön-
licher
Steuersatz
Alle nicht besteuert nach Steuern
4% Bruttorendite
= Nettorendite
Nettorendite bei
5% Bruttorendite
A: 0 % 4 % 5 %
B:20 % 4 % 4 %
C:40 % 4 % 3 %
D:50 % 4 % 2,5%

Die Einkommenssteuer bleibt also voll verteilungswirksam, obwohl sie zu 100 % überwälzt wurde. Das bleibt auch richtig, wenn man andere Überwälzungsprozentsätze wählt. Die Verteilungsabsicht des Gesetzgebers wird verwirklicht. Das wäre nur anders, wenn jeder Steuerpflichtige seine persönliche Steuerlast überwälzen könnte – eine ganz und gar unwahrscheinliche Annahme. Diese Unempfindlichkeit der Verteilungswirkung einer einheitlichen Einkommensteuer macht diese zum bestmöglichen Verteilungsinstrument.

106. zu Tz 105 zu Tz 107

Wir untersuchen ein System, in dem es neben der progressiven Einkommensteuer auch eine proportionale Definitivsteuer gibt, wobei es dem Steuerpflichtigen überlassen bleibt, welche Form der Besteuerung er wählen will. Variiert man den Satz der Proportionalsteuer, so kann man nicht nur alle definitiven Quellensteuern, sondern auch alle Steuerbefreiungen und Subventionen mit untersuchen. Die Ergebnisse gelten qualitativ auch für alle Steuern, die im Vergleich zur Einkommensteuer eine abgemilderte Progression besitzen. Daher betrachten wir als erstes zwei Anleihen (genannt Tb und s0 ):

  • eine Tb-Anleihe, mit 5 % Bruttorendite, die der Tarifbesteuerung unterliegt (Tb steht für Tarifbesteuert)
  • eine steuerberfreite s0"-Anleihe, deren Zins bei 3.5 % liegt (s0 steht für Steuersatz=0)
Nun wählen C und D die steuerbefreite Anleihe, die anderen bleiben bei der ursprünglichen Wahl.
Netto-Renditen nach Steuern
AnlegerWahl Tb oder s0 (3,5%) es gibt nur Tb (5%)
A: 0 % Tb 4 % 5 %
B: 20 % Tb 4 % 4 %
C :40 % s0 3,5 % 3 %
D: 50 % s0 3,5 % 2,5%

Gegenüber der reinen Einkommensteuer erzielen C und D, die am höchsten Besteuerten, nach Steuern eine um 0,5 %-1% höhere Rendite, wenn sie S0 wählen. Dieser Fall liegt bei den Anleihen nach dem ersten Gesetz zur Förderung des Kapitalmarktes vor. Sie konzentrieren sich – ganz wie im Modell – in den Händen der am höchsten Besteuerten, weil dort der Steuervorteil am meisten wert ist.

107. zu Tz 106 zu Tz 108

Der Konzentrations- und Verteilungseffekt tritt nicht nur bei einem Steuersatz von Null auf, er ergibt sich bei jedem Quellensteuersatz. Ist z.B. die Quellensteuer 50 %, so muss man diese Anleihe, will man sie überhaupt neben einer normalen Tb-Anleihe am Markt absetzen, mit einer Bruttorendite von mehr als 5 % ausstatten. Bei 7% für diese Anleihe (kurz: S50-Anleihe) würde sich ergeben:


Netto-Renditen nach Steuern
AnlegerWahl Tb oder s50 (7%) es gibt nur Tb (5%)
A: 0 % Tb 4 % 5 %
B: 20 % Tb 4 % 4 %
C :40 % s50 3,5 % 3 %
D: 50 % s50 3,5 % 2,5%

Wieder wählen die Bezieher hoher Einkommen den quellenbesteuerten Titel, die Bezieher geringerer Einkommen die Tb-Anleihe. Existieren also Einkommensquellen mit definitiver Proportionalsteuer neben solchen, die einer progressiven persönlichen Steuer unterliegen, so wandern die ersten stets zu den Beziehern hoher Einkommen und zwar unabhängig vom Steuersatz.

108. zu Tz 107 zu Tz 109

Diese Überlegungen lassen sich auch auf Real-Investitionen übertragen. Im folgenden Modell soll es nun zwei Anlagemöglichkeiten geben: X und Y. Außerdem sei ein Kapital von 1 Mio. DM, das angelegt werden kann, vorgegeben. Die Renditen vor Steuern mögen davon abhängen, welche Kapitalmengen jeweils eingesetzt werden. Mit steigender Kapitalmenge sollen die Renditen der Investitionsmöglichkeiten sinken, weil mit begrenzt verfügbarem Kapital immer die rentabelsten Investitionen realisiert werden.


AnlagebetragBrutto-Rendite
in Mio DMX in %Y in %
0,14047
0,22835
0,32128
0,41623
0,51219
0,6 916
0,7 613
0,8 411


Die Anleger A-D mögen über Anlagebeträge von 100, 200, 300, und 400 TDM verfügen, die sie (nach Steuern) möglichst rentabel anlegen möchten.
Fall (0)keine Steuern bei Konkurrenz der Anbieter werden 0,4 Mio. DM in die Anlage X und 0,6 Mio. DM in die Anlage Y fließen. Die Kapitalrendite beträgt dann 16 % vor Steuern fürjeden der Anleger.
Die Aufteilung bleibt auch erhalten, wenn in die progressive Einkommensteuer eingeführt wird.
Fall (1) Y: ESt Sowohl X als auch Y unterliegen der progressiven Einkommensteuer.
In beiden Fällen können die Anteile, die A,B,C oder D in Anlage X bzw. Y anlegen, nicht exakt vorhergesagt werden, nur dass alle Anleger zusammen in X 0,6 Mio. DM und in Y 0,4 Mio. DM investieren. Egal, wie die Verteilung dieser Beträge auf A, B, C und D ist, keiner kann danach eine höhere Rendite erzielen, indem er Teile seiner Investition in die alternative Anlage steckt, im Gegenteil. Sobald er 0,1 Mio. TDM (die kleinste Stückelung) alternativ anlegen will, bekommt er weniger.

109. zu Tz 108 zu Tz 110

Es werden jetzt zwei weitere Fälle untersucht. Während die Erträge der Anlage X der Einkommensteuer unterliegen, ist Anlage Y quellenbesteuert:

Fall (2) Y:q=60 hier wird die Anlage Y mit einer definitiven Quellensteuer von q = 60 % belegt.

Fall (3) Y:q=0% In diesem Fall sei die Anlage Y steuerbefreit (Quellensteuersatz q = 0 %).
Für die Anleger ergeben sich folgende Netto-Renditen (= Rendite nach Steuern):
Anlage-
betrag
in Mio.DM
Nettorendite von X in % für InvestorNettorendite von Y in %
A:B:C:D: (für alle Investoren)
(0%)(20%)(40%)(50%) (2) q=60% (3) q=0%
0,1 40 32 24 20 18,8 47
0,2 28 22,4 16,8 14 14,0 35
0,3 21 16,8 12,6 10,5 10,4 28
0,4 16 12,8 9,6 8 9,2 23
0,5 12 9,2 7,2 6 7,6 19
0,6 9 7,2 5,4 4,5 6,4 16
0,7 6 4,8 3,6 3 5,2 13
0,8 4 3,2 2,4 2 4,4 11

Die Frage, welcher Investor welche Anlage wählt, kann man lösen, indem man bei einem Investor anfängt, ihn die günstigste Anlage wählen lässt, und dann den nächsten zugreifen lässt um dann für den ersten zu prüfen, ob er seine Wahl nach den gesunkenen Renditen nicht ändert und so fort. Unabhängig vom Vorgehen im Einzelnen wird sich folgendes Ergebnis einstellen: Es wählen:


Aufteilung des Betrages auf X und Y
Anleger Anlagebetrag
in Mio.DM
Fall (2) q=60% Fall (3) q=0%
XYXY
A: 0%0,1 0,1- 0,1-
B: 20%0,2 0,2- 0,2-
C: 40%0,3 0,2 0,1-0,3
D: 50%0,4 - 0,4 -0,4
Alle Anleger zusammen 0,5 0,50,30,7

Es ergibt sich auch hier, dass die quellenbesteuerten Anlageobjekte zu denjenigen wandern, die die höchsten persönlichen Steuersätze haben.

110. zu Tz 109 zu Tz 111

Die Beträge werden jetzt auch anders platziert als im Fall ohne Steuern Fall (0) oder im Fall 1, im dem nur Einkommensteuer erhoben wird. In den Fällen (0) und (1) werden die Investitionen im Verhältnis 4 : 6 aufgeteilt. Mit Proportionalsteuer dagegen ist die Aufteilung in Fall (2) 5 :5 und in Fall (3) 3 : 7. Um die Effekte, die daraus entstehen, insgesamt zu beleuchten, werden die Nettoeinnahmen der vier Investoren und die des Fiskus noch einmal im einzelnen ausgeführt:


Ertrag (in TDM) und Rendite (in %)
Anleger Anlagebetrag
in TDM
Fall (0)
keine Steuer
Fall (1)
Y: Est
Fall (2)
Y: q=60%
Fall (3)
Y: q=0%
TDM%TDM% TDM % TDM %
A: 0%100 1616 16,016,0 12,012,0 21,021,0
B: 20%200 3216 25,612,8 19,29,6 33,616,8
C: 40%300 4816 28,89,6 22,07,3 39,013
D: 50%400 64 16 32,0 8,0 30,87,6 52,0 13
Summe Private16016 102,410,24 84,08,4 15415,4
Summe Staat0057,65,7671,0 7,18,40,84
Soziales Gesamtergebnis16016 160 16 15515,5 15415,4

Man erkennt zunächst, dass die Allokation des Kapitals sowohl in Fall (0) ohne Steuern und in Fall (1) mit reiner Einkommensteuer optimal ist. Die Gesamtheit erwirtschaftet in beiden Fällen eine Rendite von 16 %. Dagegen wird in Fall (2) zu viel in X und in Fall (3) zu viel in Y investiert. Der soziale Gesamtertrag geht auf 15,5 % bzw. 15,4% zurück.

111. zu Tz 110 zu Tz 112

weniger Wachstum durch Fehlallokation?

Allerdings gibt die obige Tabelle das Verteilungsergebnis nicht ganz richtig wieder, weil der Anteil des Staates ganz unterschiedlich ist: 57,6 TDM in Fall (1), 71 TDM in Fall (2) und 8,4 TDM in Fall (3). Wenn man die Verteilungswirkungen allein der Besteuerungsstruktur, nicht aber die der Besteuerungshöhe analysieren will, muss man den Staatsanteil konstant halten. Die Veränderung des Staatsanteils wird deshalb proportional zum Anlagebetrag umgelegt. Dann ergeben sich folgende Renditen:


Rendite (in %)
AnlegerAnlagebetrag
in TDM
Fall (1)
Y: Est
Fall (2)
Y: q=60%
Fall (3)
Y: q=0%
A: 0%10016,013,3416,08
B: 20%20012,810,9411,88
C: 40%3009,68,768,08
D: 50%4008,08,08,08
Summe Private10,249,749,64
Summe Staat5,765,765,76
SozialesGesamtergebnis1615,515,4

Wir erhalten zunächst wieder das bereits bekannte Ergebnis, das alle zusammen wegen der Fehlallokation des Kapitals verlieren. Die Verteilung aber hat sich gegenüber dem Fall reiner Einkommensteuer wesentlich geändert.

Bei hoher definitiver Quellensteuer (der Fall der heutigen Körperschaftsteuer) konnten die Bezieher hoher Einkommen ihre Ertragslage nicht nur relativ, sondern sogar absolut verbessern. Es verlieren die Bezieher kleiner Einkommen, und zwar um so mehr, je niedriger die Einkommen bzw. die Steuersätze sind. Bei D mit 50% Einkommensteuer verbessert sich die Rendite um 0,94 %, bei C mit 40 % Einkommensteuer sinkt sie um 0.93 %, bei B, der 20 % Einkommensteuer zahlt, um 18,6 % und bei A sogar um 2,66 %.

Ganz anders im Fall einer niedrigen definitiven Quellensteuer. Zwar verbessern auch die Bezieher hoher Einkommen ihre Rendite (im Beispiel um 0,8%). Es gewinnen aber auch die Bezieher kleiner Einkommen (hier ebenfalls 0,8%) Die Zeche zahlen die Bezieher mittlerer Einkommen: bei C (40 % Einkommensteuer) beträgt der Verlust 1,54 % und bei B (20 % Einkommensteuer) beträgt er 0,92 %.

112. zu Tz 111 zu Tz 113

Dieses zunächst erstaunliche Ergebnis kann intuitiv doch verständlich gemacht werden. Im Fall einer hohen Proportionalsteuer erhöhen sich die Renditen der quellenbesteuerten Anlagen vor Steuern. Dagegen sinkt die Rendite der tarifbesteuerten Anlage. Da diese sich nun bei den Beziehern niedriger Einkommen und die quellenbesteuerten bei den Beziehern hoher Einkommen konzentrieren, werden bei hoher Quellensteuer am Ende der Bezieher kleinen Einkommens geschädigt. Die Rendite seiner Anlage sinkt, während beim hoch Besteuerten die hohe Quellensteuer durch das Ansteigen der Rendite vor Steuern kompensiert oder überkompensiert wird.

Bei niedrigen Proportionalsteuersätzen mit dem Extremfall der Steuerbefreiung ist es ganz anders. Hier sinken die Renditen der quellenbesteuerten Anlagen vor Steuern, während die Renditen der tarifbesteuerten Anleihen steigen. Somit profitieren die Bezieher ganz hoher und sehr niedriger Einkommen, die Einen durch die geringere Besteuerung ihrer Anlagen, die Anderen durch den Renditeanstieg ihrer Investitionen. Für diejenigen, für die es gerade gleichgültig ist, ob sie tarif- oder quellenbesteuerte Anlagen wählen, ergibt sich ein doppelter Nachteil: zum Einen sparen sie keine Steuern und zum Anderen werden die Anlagen, die sie wählen, in der Rendite gedrückt.

113. zu Tz 112 zu Tz 114

Insgesamt ergeben sich also vom Nebeneinander von progressiver persönlicher und proportionaler Objektsteuer im Vergleich zur reinen Einkommensteuer folgende Wirkungen.

  1. Konzentrationseffekte: proportional besteuerte (einschließlich der steuerbefreiten) Objekte konzentrieren sich bei den Beziehern hoher Einkommen.
  2. Allokationseffekte: Es wird primär das Kapital, sekundär werden auch alle anderen Produktionsfaktoren fehlgeleitet.
  3. Verteilungseffekte: Die Bezieher hoher Einkommen werden begünstigt, und zwar um so mehr, je höher der proportionale Steuersatz ist.
Keiner dieser Effekte hängt davon ab, ob die Einkommensteuer überwälzt wird.

114. zu Tz 113 zu Tz 115

Die Modellergebnisse stimmen mit empirischen Gegebenheiten, soweit bekannt, überein. Der Konzentrationseffekt lässt sich beobachten.

  1. Bei den Beziehern hoher Einkommen konzentrieren sich:
    • steuerbefreite Anleihen
    • Produktivvermögen (Effekt der Körperschaftsteuer)
    • Grundvermögen (Effekt von Sonderabschreibungen, steuerfreien Veräußerungsgewinnen, niedrigem Ansatz des Mietwerts)
  2. Bei den Beziehern kleiner Einkommen konzentriert sich das
    • Geldvermögen

Krelle, Schunck und Siebke kommen zwar zu dem Ergebnis, das Geldvermögen sei relativ gleichmäßig verteilt. Sie saldieren jedoch Schulden und Vermögen schon bei den Unternehmen und rechnen nur diesen Saldo als Produktivvermögen den privaten Haushalten zu. Die Schulden, die den Forderungen gegenüber stehen, gehen in dieser Verteilungsrechnung unter. Hebt man diese Vorab-Saldierung auf, so zeigt sich, dass die Bezieher hoher Einkommen Schulden (= negatives Geldvermögen) haben, denen bei niedrigen Einkommen Forderungen (insbesondere Sparguthaben) gegenüber stehen.